Unterricht, Regen, Fragen und Wunder

Die vergangene Arbeitswoche war wieder voll von afrikanischen Überraschungen und daraus folgenden Improvisationsnotwendigkeiten. Für den Mittwoch Abend war die erste Stunde des Musikkurses für 15 Schüler angesetzt, den wir zusammen geben. Statt aber einer Tanzgruppe von 15 Zehntklässlern sassen uns aber plötzlich um die 80 kleine Kinder gegenüber, und haben sich über die Yovos gefreut. Das ist für einige auch der einzige Grund zum Kurs zu kommen. Da waren wir also, ohne dass wir es wollten, schon wieder mal zum Ausstellungsstück geworden. Leider auf Kosten des Kursniveaus haben wir unsere Musikstunde etwas abgewandelt. Daran sieht man ein weiteres Mal, dass die grosse Neugier der Menschen hier einen ab und zu dazu bringt, erstmal die Augen zu schliessen, in Gedanken einen deutschen Fluch auszustossen, und noch irgendetwas aus der Situation zu machen...
Nächste Sache: Donnerstag haben wir also mit unserem Deutschunterricht in Lokossa am Collège begonnen. Jede von uns unterrichtet eine Klasse zwei Stunden die Woche. Als wir den Tag mit einer der beiden Klassen beginnen wollten, sassen zwei Jungs im Raum, die uns erklärten, die anderen vier Klassenkameraden seien nicht da oder krank, woraufhin wir uns anschauen und grinsen mussten, und an den Vortag dachten. Einfach keine Fragen stellen! Solche Fragen wie: "Sind da drei Schweine auf das Auto geschnallt? Transportiert der da einen Sarg auf seinem Motorrad?", oder "Ist das ein Schwan, der da neben der Pfütze steht?" beantworten wir uns jetzt oft mit dieser sarkastischen aber vereinfachenden Aussage, denn: Es ist einfach so! Etwas anderes bekommt man eh nicht gesagt, weil solche Sachen hier einfach nicht mehr Aufmerksamkeit erregen. Also nicht fragen, es ist einfach so!
Nachdem wir uns von der zweiten Klasse des Collèges, die aus einem Schüler bestand (die anderen beiden seien nicht da oder krank - Keine Fragen!), die zu behandelnden Themen haben geben lassen, mussten wir uns erstmal entschuldigen. Warum? Weil dieser eine Schüler immer darauf bestand, das durchzunehmen, was ER noch nicht verstanden hat, wir ihm aber schon etwas angekratzt erklärten, dass nicht mehr soviel Zeit sei, alles zu machen, was jeder einzelne Schüler der Klasse nochmal machen wolle. Als er uns dann aber nach 10 Minuten gesagt hatte, dass er heute die Klasse ist, da die anderen zwei Schüler der Klasse nicht da seien, sah die Sache anders aus, und wir haben mit seinen Mitschriften weitergearbeitet. Und natürlich keine Fragen mehr gestellt!
Martin vom DED hat uns am Wochenende in Ouidah erklärt, dass die Müllabfuhr öffentlich ankündigt, sie komme jeden Mittwoch, es sei denn, es regnet. Das ist das nächste Thema aus der Kategorie Improvisationserforderlichkeit: DER REGEN! Hier heisst es nicht:"Wie komme ich am schnellsten zur Arbeit?", sondern "Sind meine Schuhe stabil genug, um den Marsch durch den Schlamm zur Arbeit zu überstehen?" In letzter Zeit hat es häufiger als sonst geschüttet, was die ganze Tagesplanung über den Haufen werfen kann, denn unsere Wege zur Arbeit sind nicht asphaltiert. Nachdem also ein Platzregen auf unser Blechdach in Kodji gekracht war, konnten wir Freitag kein Englisch und Samstag kein Deutsch geben. Denn weder wir barfuss mit unserem Schnupfen noch die Motorräder ohne Vierradantrieb und ohne einer situationsgerechten Grösse konnten den Kampf mit dem Schlammweg aufnehmen.
Noch eine kleine Story aus der Kategorie Keine Fragen. Am Wochenende hatten wir wieder eine recht schöne Zeit in Ouidah. Auf dem Weg zum Strand sind wir über eine Baustelle gefahren. Am Anfang und am Ende einer engen Brücke über dem Wasser waren grosse Sandberge aufgeschüttet. Wenn man sich zum ersten Mal erfolgreich mit dem Auto darüber balanciert hat, beglückwünscht man sich im Stillen erstmal für diese Leistung. Das erklärte uns Martin, der gefahren ist, und sich schon an diese dauerhafte Baustelle gewöhnt hat. Das Auto nimmt beim Überqueren nämlich eine interessante aber unvermeidbare Schieflage ein. Als sich dann noch ein Mann, auf einem Fahrrad fahrend, wie selbstverständlich, ein schwarzes, zerrupft aussehendes, lebendes Hühnchen in einer Hand haltend, auf einem der Sandberge an uns vorbeigequetscht hat, haben wir uns nur angesehen und gesagt: Keine Fragen stellen!
Und nun zur Kategorie Fragen willkommen. Vorgestern haben wir selbstgebastelte und bemalte Muschelketten an zwei neue Erdbewohner verschenkt. Wir haben schon letzte Woche berichtet, dass eine Mitgliedin aus Pierres Familie Zwillinge geboren hat. Die glückliche und hübsche Mama heisst Martine, und gestern haben wir erfahren, wie ihre Kinder heissen. Neugeborene bekommen hier grundsätzlich einen traditionellen und einen französischen Namen. Bei den traditionellen Namen wird nicht lange gefackelt, denn die ergeben sich ganz einfach aus den Umständen der Geburt. Da Martines Kinder Zwillinge sind, lauten ihre traditionellen Namen Zinsou, was soviel heisst wie Zwillingsjunge, und Zinhoue, was soviel heisst wie Zwillingsmädchen. Das Mädchen hat ausserdem noch einen zweiten traditionellen Namen bekommen: Agossi. Das bedeutet mit den Füssen zuerst geboren. Da die Zwillinge zum Volk der Fon gehören, haben sie auch Fonnamen bekommen. Allerdings haben auch die anderen Völker hier in der Region sprechende Namen in ihren Sprachen. Nach dem traditionellen Namen folgt der französische Name, der gleichzeitig Rufname ist. Dieser wird von beiden Elternteilen festgelegt, und erst dann wird die Geburtsurkunde ausgestellt. Unser Zwillingsjunge heisst Renato Jules, benannt nach dem Italiener Renato Corsetti vom Esperantoverband und dem Niederländer Jules Verstraeten, ebenfalls vom Esperantoverband, der leider schon verstorben ist. Beide haben sich sehr für die Entwicklung dieses Dorfes eingesetzt. Als wir den Namen des Mädchens erfahren haben, waren wir sehr gerührt. Sie heisst Evanna Juliette. Als Zeichen, dass wir während ihrer Geburt im Dorf gewohnt haben, wurde sie nach uns benannt. Hier die Bilder der glücklichen Familie.

Mama Martine mit Sohn Renato">

Zinsou Renato Jules und Zinhoue Agossi Evanna Juliette (v.l.n.r.)">

Unser Namenspatenkind">

"Es heisst, die Welt sei sehr alt. Doch dauert sie selten länger als hundert Jahre. Wir sind es, die alt werden.
Solange Menschen auf die Welt kommen, wird sie so neu und frisch sein, wie am siebten Tag, an dem der Herr ruhte. Wir sind jetzt Zeugen einer Schöpfung. Sie entsteht vor unseren Augen, am hellichten Tage, das ist unerhöhrt! Eine Welt taucht auf aus dem Nichts... Und doch gibt es Leute, die sich langweilen!
Den grössten Teil der Zeit verschläft die Welt. Den grössten Teil des Raumes auch. Nur ab und zu reibt sie sich den Schlaf aus den Augen und erwacht zum Bewusstsein ihrer selbst. 'Wer bin ich?', fragt die Welt. 'Woher komme ich?' Für einige Sekunden hat der seltene Vogel auf unserer Schulter Platz genommen."
(Jostein Gaarder, "Der seltene Vogel")

Kommentare

Es freut mich, dass Du

Bild von Anonymous

Es freut mich, dass Du solche Erfahrungen erlebst. Hoffe, daraus lernst Du etwas von der Art und Weise, wie andere Menschen anderswo leben. Wegen Dir wuerden auch die Leute in Codji erfahren, wie die Yovos auch leben.

Gratulation euch beiden!

Bild von Juliane

..ich glaube ein schöneres Kompliment/Andenken kann man nicht bekommen, oder? :) wir wollen natürlich auch weiterhin von evanna jr. & brüderchen hören! ;)

Hey ihr zwei Geehrten! Es

Bild von Consbabe

Hey ihr zwei Geehrten!
Es ist schon wirklich komisch, wie normal das Unnormale und Unbekannte sein kann, aber auch ihr habt euch ja schnell an die Gegebenheiten dort gewöhnt. Am schönsten war es aber, zu erfahren, wie Menschen und insbesondere die Ureinwohner eines Landes auf eine Art und Weise denken und Dinge erklären oder handhaben, dass ich mir schon des Öfteren wünsche, in gewissen Situationen auch so eine Denkweise besitzen zu dürfen. Es würde vieles hier in diesem modernen, hektischen und oberflächlichen Leben leichter erscheinen lassen und man wäre gegen viele Dinge besser gewappnet. Wir können uns alle noch eine große Scheibe von den Menschen um Euch herum abschneiden, denn sie besitzen vielleicht nicht so viel Luxus wie wir und müssen Probleme ohne Hilfsmittel und ganz anders als wir bewältigen, aber sie sind bestimmt im Großen und Ganzen glücklicher als wir, weil sie sich viel mehr an kleinen Dingen erfreuen können und sie vor allem Sachen wertschätzen, die für uns völlig belanglos sind.
Die Zwillinge sind ja wirklich herzallerliebst und zuckerüß! Wäre schön, wenn ihr noch mehr Bilder von ihnen in gewissen Abständen machen könntet. Und das will schon was heißen, wenn eines nach Euch benannt wurde...
Passt weiterhin gut auf Euch auf!

Ganz liebe Grüße, Conny.

Hallo Eva und Anna! Viele

Bild von Anonymous

Hallo Eva und Anna!
Viele liebe Grüße von Evas Papa und Mama nach Afrika!
Wir sind bei Anna und haben Sushi gegessen und haben eine Autopanne.
Halt die Ohren steif und lass es dir gut gehen!!!
Tschüss bis zu unserem Wiedersehen im August.

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