Meine Reflexion - Nach einem Jahr als MaZ in Nairobi/ Kenia
MEINE REFLEXION - Nach einem Jahr als "Missionar auf Zeit" on Nairobi/ Kenia
19. Dezember 2008 – Thomas Mecha – Comboni Missionar auf Zeit 2007/2008- Kivuli Center in Nairobi/ Kenia
Liebe Freunde,
Nun bin ich schon seit über 3 Monaten wieder in Deutschland. So langsam habe ich mich wieder an das Leben hier gewöhnt ... so leicht war das gar nicht, und ganz „ankommen“ werde ich wohl nie .... aber das brauche ich auch nicht. Was bedeutet eigentlich „ankommen“? Das ich alles wieder so empfinde wie ich es vor dem Jahr sah? Die Erfahrungen, die ich aus Kenia mitnehmen durfte, haben mich geprägt und spielen nun bei vielen Entscheidungen, die ich fälle, eine große Rolle.
Die Erlebnisse, die Geschichten, die Schicksale, und damit meine ich die Menschen, haben mir so viel gegeben. Nie könnte ich ihnen diese Schuld zurückzahlen.
Dass ich dieses eine Jahr, mit all seinen guten und „schlechten“ Erfahrungen, erleben durfte, dafür bin ich Gott sehr dankbar. Sicherlich gibt es in so einem Jahr nicht nur schöne Erlebnisse, aber jede „schlechte“ Erfahrung ist letztendlich auch eine gute Erfahrung, da man vieles aus ihr lernen kann.
Ich durfte viel lernen, sehen, erleben und viele verschiedene Menschen/ Traditionen/ Mentalitäten kennen lernen. Das Jahr hat mich sicherlich geprägt und in meinen Plänen bestärkt meinen Berufsweg auf dem afrikanischen Kontinent zu beschreiten. Besonders dankbar bin ich für die religiösen Erfahrungen, die ich in Gottesdiensten, Gebeten und Gesprächen sammeln durfte.
Nach einem Jahr Nairobi/ Kenia stellte sich, besonders in den ersten Wochen, die Eingewöhnung an die ‚alte neue Welt’ schwieriger dar als ich es mir vorgestellt hatte. Meine Familie, meine Freunde und alle anderen Menschen haben mich toll aufgenommen, wofür ich auch sehr dankbar bin aber die Lebensumstände, die ich den Slums in Nairobi sah, und das Leben hier in Deutschland stellen sehr krasse Gegensätze dar, die ich noch immer verarbeite.
Diese starken Gegensätze gestalteten meine ersten Wochen des Wiedereinlebens schwierig und manchmal kam es mir vor als sei ich anstatt nur einem Jahr ganze 3 Jahre weggewesen, so fremd kam mir Deutschland anfangs vor.
Unser Haus kam mir wie ein Palast vor, unser Garten so wunderschön farbig, das Gras so saftig grün, alles war so friedlich/ ruhig. Die Straßen hier sind so unglaublich gut, dass es mir vorkam als fliege das Auto über die Straße. Natürlich/ Leider gewöhnt man sich sehr leicht und schnell an diese oberflächlichen Unterschiede. Es gibt aber immer noch andere Gegensätze, an die ich mich noch nicht gewöhnt habe, an die ich mich aber auch teils gar nicht gewöhnen will.
Meine Arbeit als Jugendkoordinator im KIVULI CENTRE hat mir Spaß gemacht, auch wenn es nicht immer problemlos lief. Ich konnte in dem einen Jahr viel lernen und hoffe, dass ich den Menschen mit meinen Einsatz wenigstens ein wenig helfen konnte. Ein Jahr ist eine kurze Zeit und man sollte sich keine Illusionen machen etwas wirklich verändern zu können. Ich habe versucht meinen Einflussbereich zu erkennen und dort mitzuhelfen. Für einen MaZ, geht es ja neben dem „miteinander arbeiten“, genauso um das „gemeinsame Beten und Leben“. Dieses Motto zielt sehr auf das „menschliche Miteinander“, und in Kenia durfte ich dies sehr intensiv erleben ... und „anders“ kennen lernen ...
Einige Sachen bleiben mir besonders im Gedächtnis:
Kenianer (Afrikaner) nehmen sich viel mehr Zeit für ihren Gegenüber. Wenn man einen Bekannten auf der Straße trifft wird erstmal 10-15 geplaudert bevor man weitergeht (und den nächsten trifft....). Dabei muss es gar nicht um „wichtige“ Themen gehen: Man fragt wie es einem allgemein geht (diese Frage wird natürlich immer sehr positiv beantwortet), wo man gerade hin gehen will, man scherz rum, lacht, macht vielleicht ein Treffen aus ...
In den ersten Wochen, die ich wieder in Deutschland war, ist mir aufgefallen wie kurz kurze Unterhaltungen dauern können.
Einer der Aspekte, den ich so bewundernswert an Kenianern finde ist, dass sie trotz Armut eine unglaubliche alltägliche Lebensfreude besitzen. Diese nährt sich aus dem Glauben und den sozialen Kontakten. Der tägliche Umgang mit Freunden, Bekannten, Familie ist sehr wichtig und elementar für die Gemeinschaft/ Gesellschaft. Diesbezüglich werden z.B. körperliche Berührungen als etwas viel natürlicheres, oder gar selbstverständlich gesehen. Jemanden im Vorbeikommen mit einem „Hi“ zu grüßen ... so was gibt’s nicht. Man geht immer zur Person, gibt ihr wenigstens die Hand und dann fragt man sich wie es einem geht. Und auf Kisuaheli gibt es für diese eine Frage viele verschiedene Variationen: Habari gani/yako?/ Mambo?/ Hujambo?/ Sasa?/ Vipi?/ Nyadje? ... und mindestens genau so viele (positive) Antworten: Nzuri sana, Poa, Sijambo, Fresh, Fit, etc. Anfangs fand ich es „sehr eigenartig“, dass ein Mann mich an die Hand nimmt um ganze Kilometer mit mir spazieren zu gehen. Später schätzte ich den freundschaftlichen Wert, der dadurch zum Ausdruck kam, und sah es als natürlich an.
Unvergessen bleiben mir:
Der unglaubliche tägliche Überlebenskampf der Straßenkinder in Nairobi – Die tollen Freunde die ich kennenlernen durfte – Die schönen & unterschiedlichen Landschaften Kenias – Die Tänze & Freudenschreie im Gottesdienst – Momente, in denen Straßenkinder Kinder sein durften: Spielen, Tanzen, Lachen – Silvesternacht (zu der Zeit herrschte in Kenia die Krise nach den Wahlen und wir gingen um 22.00 schlafen. Es gab nichts zu feiern.) – Die nachgeholte Neujahrs-Party Mitte Januar (Als der Friede wieder einkehrte, holten wir Silvester und den Countdown einfach nach) – Die wunderschönen Gospel-Lieder der Schülerrinnen des MATERI GIRLS CENTRE – Eine Fahrt in einem Matatu mit 30 Menschen, obwohl theoretisch nur 16 Passagiere erlaubt sind – Das Public Viewing: EM-Finale, zusammen mit ca. 100 Deutschen in der Turnhalle der deutschen Schule in Nairobi – Gemeinsame Gebete mit Missionaren – …
Was ich sehr genossen habe, war der Kontakt mit MissionarenInnen. Als „Missionar auf Zeit“ kommt man mit vielen Menschen in Kontakt, die im Dienste ihres Ordens/ der katholischen Kirche tätig sind. Unter den Angehörigen der Orden trifft man dann Menschen, aus vielen unterschiedlichen Ländern. Diese internationale Atmosphäre wird als etweas ganz natürliches und trotzdem sehr wertvolles geschätzt. Eines Abends habe diese Internationaliät bewusst bemerkt: Andreas und ich besuchten für zwei Tage ein „Comboni-Missionshaus“ in Kariobangi, ein Slum im Osten Nairobis. Da saß ich nun nach dem Abendessen am Tisch, gemeinsam mit einem Mexikaner, Togolesen und Italiener und wir unterhielten uns über exotische Früchte und ihre Herkunftsorte.
Was mich bei Missionaren so sehr beeindruckt, ist ihre ihre vollkommene Hingabe zu Gott und Jesus. Es gehört schon viel dazu einem missionarischen Orden beizutreten, nicht nur die Gelübde des Zölibats, der Armut und der Gehorsamkeit. Man tauscht ein komfortables Leben in der Heimat gegen ein ungewisses Leben in einer materiell-armen Welt ein. Die Missionare/ Missionarinnen wissen nicht wo sie in 5 Jahren sein werden, da sie zu jeder Zeit in einen anderen Erdteil umstationiert werden können.
Ein Beispiel ist Padre Juao. Ein Brasilianer, der aus einer deutschen Kolonie im Süden Brasiliens stammt. Er ist ca. 30, also ein sehr junger Missionar und wurde nun von Brasilien in den Norden Kenias geschickt. Dort wird er mit einer komplett anderen Lebenswelt/ Mentalität konfrontiert, als er sie in Brasilien gewohnt war. In Brasilien war er täglich bis spätabends mit vielen Jugendlichen zusammen, hat mit ihnen diskutiert, gefeiert und gebetet. Nun ist im kleinen Marsabit, seinem neuem Wohnort, das Leben nach 20.00 Uhr „still gelegt“.
Ein scheinbar komfortables Leben Aufgeben heißt für die Missionare das wunderbarste auf der Welt zu gewinnen, und zwar ein Leben, das so nah wie möglich zu Gott, Jesus & den Menschen ist. Diesen Reichtum kann man mit nichts anderem auf der Welt vergleichen.
Ich denke, dass die Menschen, besonders im „materialistischen Europa“ reicher leben würden, wenn sie erkennen würden, das man erst im Glauben „wahrlich reich“ ist.
Auf der einen Seite schätze ich die Lebensumstände in Deutschland sehr hoch ein aber auf der anderen Seite verurteile sie auch, da sie meines Erachtens starke luxuriöse Züge angenommen haben und viele Sachen beinhalten, die man nicht wirklich braucht. Viele, so ist mein Eindruck, schenken “Unwichtigem“ viel Beachtsamkeit und sehen nicht den Wert der wirklich wichtigen und kostbaren Sachen, wie z.B. menschliche Nähe.
Glaube
Als ich in Kenia war, sind Gott-sei-dank keine Menschen, die ich kannte gestorben, aber Bekannte von mir haben Menschen verloren. Und dabei wären die Krankheiten, die zum Tod führten in Deutschland keine Problemfälle. In den Slums können sich die Menschen diese scheinbar so “einfache” Behandlung aber nicht leisten. Versicherung? Viel zu teuer. Staat? Zu selbstinteressiert und korrupt.
In schwierigen Momenten konnte ich alleine von Gott eine Antwort erhalten. Eines Tages saß ein junger Vater vor mir, der vor ein paar Stunden sein 1 ½ Jahre altes Kind auf dem Weg zum Krankenhaus verloren hatte, weil er nicht schnell genug Geld auftreiben konnte, um das Kind mit einem Taxi ins Krankenhaus zu fahren. Er sah mich mit einem erzwungenen Lächeln an und sagt: “So ist das Leben.”. – Einer unserer Athleten hat seinen Bruder verloren, mit dem er eine sehr starke Beziehung hatte. Nach dem Tod war er kaum wiederzuerkennen. Für ihn stürzte eine Welt zusammen. “Ich habe mich damit abgefunden, dass ich wohl nie wieder der alte sein werde.” Wir im Jugendbüro und seine Kollegen im Athletenverein haben ihm immer wieder Mut zugesprochen und nach 3 Monaten war er wieder im Training, sein Zustand verbesserte sich, u.a. durch das Miteinander im Verein. - Ein anderes Mal besuchte ich eine kongolesiche Flüchtlingsfamilie, deren Mutter verstarb. Der Vater muss sich nun alleine um 5 Kinder kümmern.
In all diesen Situationen suchten die Menschen Trost und Hoffnung und fanden diese bei Gott. Ich fand es bewundernswert wie stark ihr Glaube war. Da erkannte ich immer wieder, dass es keinen größeren Anker als Gott gibt, keinen stärkeren, keinen so wahrhaftigen. In solchen “Dürre-Perioden”, voller Kummer und Leid, dürsten die Menschen nach Gott und dieser Durst wird einzig durch seine Kraft gelöscht.
Für alle Erfahrungen, ob gut oder „schlecht“, und alle Eindrücke bin ich sehr dankbar und ich kann kann nur jedem empfehlen Deutschland mal den Rücken zu kehren um ein Jahr eine andere ganz andere Welt so nah wie möglich zu erleben, also nicht als Tourist sondern als „Mitmensch“.
Für junge religiös-motivierte, ist das MaZ-Programm eine tolle Möglichkeit so etwas zu erleben:
„Mitleben, Mitbeten, Mitarbeiten“
Um noch ein bisschen über meine Pläne zu erzählen: Ich studiere nun im 1. Semester Sozialwisscnschaften (BA) an der Universität Stuttgart, nach dem Bachelor-Studium plane ich einen Master in „Konflikt- und Friedensforschung“ zu machen. Aber erst nach meinem Studium nach Afrika zurückzukehren stellt für mich keine Option dar... Deshalb plane ich nach meinem 4. Semester (2010) ein halbjähriges Praktikum in einem westafrikanischen Land zu absolvieren, im Bereich der „Zivilen Friendsarbeit“ also dem Feld, in dem ich später einmal arbeiten möchte .... vielleicht schaffe ich es noch ein Auslandsemster in Südafrika zu absolvieren, mal sehen ...
Ich wünsche euch allen ein wunderschönes
und gesegnetes Weihnachtsfest und
einen guten Rutsch in ein gesundes Jahr 2009!
Liebe Grüße aus Stuttgart
Euer Thomas
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