Geschichten einer Stadt

Hallo und herzlich willkommen,

zum nun folgenden Novemberblog!

Nachdem ich nun in den letzten Einträgen viel von meinen Ausflügen berichtet habe, möchte ich heute einmal von ein paar Anekdoten aus meinem mexikanischen Alltag berichten.

Jingle Bells

Beginnen wir mit dem Spannendsten aller Themen, dem Wetter:
Es ist schon fast Ende November und immer noch herrscht hier zumindest tagsüber T-Shirt- Wetter. Während es in den Wochen nach meiner Ankunft oft noch starke Regengüsse gab, die ein feucht schwüles Klima nach sich zogen, habe ich nun schon seit vier Wochen fast keine einzige Wolke mehr gesehen. Jeden Tag strahlt hier der Himmel ein wunderschönes blau aus, da macht es Spaß aufzustehen, zur Arbeit zu gehen und das Leben zu genießen. Und mittendrin in dieser so sommerlichen Atmosphäre klingt es nun schon seit ungefähr zwei Wochen nach Weihnachtsliedern in den Supermärkten, Schriftzüge mit „Feliz Navidad“ sind an den Häuserwänden zu lesen, in den Geschäften gibt es Tannenbäume und der Weihnachtsmarkt steht hier nun auch schon. Allerdings besteht dieser aus einem einzigen „Blink-Bling“ chinesischer Plastikware, die mindestens genauso schlecht ist, wie das Fernsehprogramm hier, aber für die viele Mexikaner ihre letzten Pesos investieren.

Superstars

Der Fernseher läuft hier übrigens ständig und überall, es gibt kaum ein Restaurant, eine Bar oder einen Taco-Stand, wo nicht mindestens ein Fernseher dröhnt und man oft zu fragen geneigt ist, die Lautstärke zu mindern, damit man auch mal versteht, was die Mexikaner(innen) da von einen wollen. „Superstars“, „Wer wird Pesonär“ und „Vera räumt mittags dein Haus auf“ sind hier im selben Format übrigens genauso zu bewundern.

Meine Woche

Abseits meiner Arbeit habe ich mir hier inzwischen eine Alltagsstruktur aufgebaut. Das heißt, ich mache einen Salsakurs, gehe eine Stunde die Woche in einen verwilderten Park reiten (für gerade mal drei Euro) und auch das Kribbeln in meinen Füßen hat sein Ende: Ich habe nette Jungs gefunden mit denen ich einmal in der Woche kicken gehe. Und da hier alle Mexikaner so klein sind, gewinne ich auch endlich Hundertprozent meiner Kopfballduelle!

Mein Freund und Helfer

Vor drei Wochen war ich dann auch zum ersten Mal im Stadion, im Estadio Jalisco, WM-Stadion von 1978, beim Klassiker der beiden Erstligamannschaften aus Guadalajara. Und Ungefähr 40,000 Leute staunten nicht schlecht, als es nach nur 2 Min und 35 sec schon 2:0 stand. Endergebnis 4:1 für Deportivo vs. Atlas!
Vor dem Stadion hatte ich dann meinen ersten persönlichen Kontakt mit der mexikanischen Polizei. Normalerweise ist es verboten in Mexiko auf der Straße Bier zu trinken, was ich persönlich nicht so schlecht finde, da deshalb keine Jugendlichen schon um 11 Uhr mit einer Flasche Mixery durch die Stadt ziehen. Doch anscheinend wird beim Gelände rund um das Stadion eine Ausnahme gemacht,... dachten wir! Denn überall wurde Bier verkauft und von den Fans getrunken. Doch als meine beiden mexikanischen Freunde und ich gerade unsere Dose öffneten, erklärte uns die anrückende Polizeieskorte in englischer Sprache, dass nach Paragraph so und so (sorry, schon wieder vergessen), Alkohol trinken in Mexiko auf der Straße nicht erlaubt ist, nahmen unsere drei Getränke und schütteten diese vor unseren Augen in den Abfluss, während um uns herum weiterhin hunderte Leute ihr Bier genossen.
Interpretiere ich die Geschichte nicht ganz falsch, dann hat der liebe Polizist in seiner Machtposition einfach mal umgesetzt, was viele Mexikaner denken. Denn leider herrscht hier eine relativ große Abneigung gegenüber Amerikanern und da für viele Menschen hier die Welt oft nur aus Mexiko und den Vereinigten Staaten besteht, werden somit auch alle anderen Europäer zu 90% für Amerikaner gehalten. Wenn man Ihnen dann erzählt, dass man Deutscher ist, wandelt sich schlagartig die Gesichtsmuskulatur und man ist plötzlich herzlich willkommen. Mag man darüber denken, wie man will. Da die Busfahrer hier aber nun mal mit 70 km/h durch die Stadt preschen und dabei keine Zeit zum Denken haben, passiert es auch gelegentlich, dass sie einen einfach an der Haltestelle stehen lassen. Ich habe deshalb schon oft überlegt, zur Sicherheit doch nicht besser mit meinem deutschen Pass den Bus heran zu winken.

Reggae got Soul

Eine weitere Anekdote über die Arbeit der Polizei habe ich aus D.F., Mexiko-Stadt zu berichten. Vor einer Woche bin ich mit Jule zu einem Reggae und Ska Festival in diese 25 Millionen Menschen Metropole gefahren. Unter anderem haben dort die jamaikanischen Opas, die Skatalytes gespielt. Am Eingang wurden wir - und auch alle anderen - innerhalb von hundert Metern ganze vier mal mit derselben Genauigkeit durchsucht. Auf keiner Demonstration, in keinem Fußballstadion habe ich jemals zuvor eine solch straffe Kontrolle erlebt. Schuhe mussten ausgezogen werden, in den Schritt und BH wurde den Leuten gefasst, Gürtel, Medizin wurden einem ohne System der Rückgabe genommen und natürlich gab es die 2 Tage auch nur alkoholfreies Bier zu genießen. Es wurde so ziemlich alles unternommen, dass die Festivalbesucher nur ja keinen Spaß haben werden. Aber drücken wir es mal so aus, am Ende hat Maria trotzdem getanzt.

Dia de los Muertos - Tag der Toten

Sicher gibt es einige Dinge zu bemängeln in diesem Land, Dinge die manche Mexikaner noch lernen müssen. Doch will ich mit diesen Randgeschichten nicht den Eindruck vermitteln, dass es sich hier schlecht lebt. Vielmehr habe ich weiterhin viel Freude hier zu sein, lerne immer mehr nette Menschen kennen und es gibt auch Dinge von denen wir von ihrer Kultur lernen können.
Dazu zählt beispielsweise der Umgang mit dem Tod. Der 1. November - Allerheiligen - ist hier ein richtig großer Feiertag. Die Leute gedenken dabei ihren toten Angehörigen und Freunden, in dem sie Altare in ihren Häusern aufstellen und diese mit den Lieblingsgegenständen und Essen der Toten dekorieren, so dass sich deren Seele diese abhole. Jule, ich und eine mexikanische Freundin sind an diesen Tag zum Lago de Patzcuaro gefahren, fünf Stunden südlich, in die Gegend Mexikos, wo dieser Brauch von den Indigenen am aller stärksten gelebt wird. Die Menschen sind dort in dieser Nacht auf den Friedhof gegangen und haben ihren Angehörigen Früchte, Bier, Zigaretten, Tacos und andere Esswaren ans Grab gebracht, alles was diese zu Lebzeiten geliebt haben. Dann haben sie mit ihren Familien auf den Kerzen erleuchteten Friedhof die Nacht verbracht und sich bis früh morgens Geschichten aus deren Leben der Toten erzählt und dabei viel gelacht. Ich habe die Stimmung auf einem Friedhof noch nie so lebendig und fröhlich wahrgenommen. Es hat sich angefühlt, als ob die ganze Familie, die Toten und die Lebenden einmal im Jahr zum Feiern zusammen kommen und Wiedersehen feiern. Ein ganz anderer Umgang mit dem Tod als wir ihn kennen. Wer widerspricht da noch, dass man von anderen Kulturen nicht lernen kann.

Einen Tag nach dem Tod Robert Enkes (das ist keine Lösung!) ist hier im Übrigen auch ein mexikanischer Nationalspieler (de Nigris) an einem Herzfehler gestorben. Beeindruckend fand ich, dass am folgenden Spieltag in jedem Stadion keine Schweigeminute, sondern ein Schweigeklatschen stattfand. Das heißt alle Spieler und Fans haben eine ganze Minute lang nur applaudiert, um damit das Leben des Spielers zu würdigen.

Am kommenden Wochenende fahre ich übrigens mit einigen unserer Deutschschüler zu einem ökologischen Projekt an den Pazifik, um einiges über den Schutz der Schildkröten zu lernen. Das heisst nachts 3 Uhr aufstehen und beim Eierlegen zu schauen, wie spannend!

In diesem Sinne, die Welt zu entdecken fühlt sich an, als ob jeden Tag Sommer ist.

Muchos Besos

Lucas

Kommentare

Hey Lucas, ich bin so froh,

Bild von Angela Schöder

Hey Lucas, ich bin so froh, daß ich diese Seite endlich wieder gefunden habe. Danke für deine wundervollen Erlebnisse, Erfahrungen. Ich freue mich so, von dir zu lesen. Dein letzter Satz ist wunderbar - die Welt zu entdecken, fühlt sich an, als ob jeden Tag Sommer ist. Das muß wirklich wunderbar sein. Genieße es! Ich umarme dich! Angela

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