„Und die Präsidentschaft 2010-2015 geht an…“
Cochabamba, Bolivien, am 2.12.2009. Bei gefühlten 30 Grad im Schatten trotz frischer Briese gegen Mittag, fanden die Kinderwahlen statt.
Man stelle sich vor, 15 Wahltische über die ganze Stadt verteilt, an jedem Tisch fünf oder sechs Helfer und insgesamt 1911 junge Wähler (gut aufgeteilt in 953 Mädchen und 958 Jungen). Schon allein an unserem Tisch wurden 165 Stimmen abgegeben, und dass innerhalb von vier Stunden.
Dazu beigetragen hat sicher die gute Publicity, durch die das Canarito in den Tagen vor der Wahl über Radio, Fernsehinterviews und Flyer die Informationen unters junge Volk gestreut hat.
In den letzten Tagen hatten wir viel zu tun im Canarito, vor allem Vorabend war es noch mal hektisch, damit alles rechtzeitig fertig wurde:
30 “Wahlurnen” mussten gebastelt werden, Material gekauft, Brote geschmiert und alles koordiniert werden, damit am Wahltag auch alle alles am rechten Tisch hatten. Und es hat geklappt!
Ich war mit vier Mädchen und einer bolivianischen Freiwilligen eingeteilt in Villa Pagador, ganz im Süden der Stadt. Halb neun waren wir vor Ort und haben alles eingerichtet und aufgebaut, sofort waren auch schon die ersten Neugierigen da. Von um neun an, als unser Wahllokal öffnete, bis fast um zwei nahm der Besucherstrom kein Ende. Es kamen nicht nur die Kinder, sondern auch viele Erwachsene, um sich anzuschauen, was wir da so treiben. Und einigen der Älteren hat man die Enttäuschung angesehen, dass das Wahlalter auf 7 bis 17 Jahren begrenzt war. Auch ein toller Effekt war, dass Kinder, die schon gewählt hatten, noch mal wieder kamen und ihre Freunde oder Brüder mitbrachten, damit die auch noch bei uns wählen konnten.
Unsere Wahlen liefen fast haargenau wie die richtigen Wahlen ab: Der Wähler steht normalerweise in einer Liste, die haben wir natürlich dann erst geschrieben, und zwar mit Name, Alter, Geschlecht. Er bekommt den Wahlzettel und verschwindet hinter die Wahlkabine. Als nächstes wirft er den Stimmzettel zusammengefaltet in die Urne. Jetzt kommt das Neue: Er geht wieder zum Anmeldetisch und man nimmt ihm seinem Fingerabdruck, der in die letzte Spalte der Liste kommt. Zu letzt wird der Finger in eine besondere Tinte getaucht, damit er am selben Tag nicht noch mal in einem anderen Lokal wählen gehen kann.
Übrigens gibt es in Bolivien eine Wahlpflicht, die sehr streng geprüft wird. Wenn man nicht die Bestätigung hat, bei der Wahl gewesen zu sein, kriegt man bei der Bank kein Geld ausgezahlt, darf man nicht außer Landes reisen usw.
Gewählt wird bei dieser Wahl übrigens nicht nur der Präsident für die Amtszeit 2010 bis 2015, sondern hier in der Region Cochabamba und in einigen anderen Departamenten gibt es gleichzeitig den Volksentscheid, ob sie zukünftig autonom sein wollen oder nicht. Deshalb auch die zwei Wahlurnen.
Heute nun konnte ich feststellen, dass Jung und Alt in Bolivien fast gleich gewählt hat: Sowohl bei den Kinderwahlen lag Evo Morales Ayma mit 52 % ganz vorne, als auch bei den richtigen Wahlen gestern (63%). Sein Hauptgegner Manfred Reyes Villa verlor mit 27% bei den Kindern und 28 % bei den Erwachsenen.
In allen fünf Departamenten, bei denen zusätzlich für oder gegen die Autonomie gestimmt wurde, haben sich die Wähler gestern für „Ja“ entschieden.
Auch die Kinder waren mit 75 % für die Autonomie Cochabambas und nur mit 20 % dagegen. Die restlichen 5 % ergaben sich aus den ungültigen und leeren Stimmzetteln.
So haben die Bolivianer also für die nächsten fünf Jahre ihren neuen alten Präsidenten Evo Morales gewählt. Und der in seinem Wahlspruch „Evo de Nuevo“ formulierte Wunsch wird wahr.
Und ganz plötzlich ist der Alltag wieder da: Der Verkehr, der gestern zum Erliegen kam, rollt wieder, das allgemeine Fahrverbot ist aufgehoben. Das Militär hat sich, nachdem alles ruhig geblieben ist, wieder in die Kasernen zurückgezogen und die Zeitungsverkäufer schreien die Neuigkeiten von Evo Morales´ Sieg nicht aus - es sind keine. Wo gestern Abend die Familien vor dem Fernseher Punkt sechs auf das Wahlergebnis gewartet haben, redet heute schon niemand mehr darüber. Sie haben sich gefreut oder sich geärgert, doch sie haben das Ergebnis schon vorher gewusst. Die nächste große Überraschung wird man in fünf Jahren erleben, zum Ende von Morales´ Amtzeit. Ein drittel Mal kann er nicht gewählt werden, wer also dann…
Cochabamba, 7.12.2009
Kommentare
Wahl

Hey Josefa,
mittlerweile ist das schon der 2.Eintrag von Dir, auf den ich direkt ueber das Eingangsportal aufmerksam wurde und ich muss jetzt nach dem Lesen deines Berichts einfach loswerden, dass ich mich riiiiesig ueber die Wiederwahl von Evo freue, hatte den Termin hier auf der andern Seite des Atlantiks schon ganz vergessen,insofern war die Ueberraschung noch groesser!
Auf bald,
Fabian in der Mittagspause
na hoffen wir mal, das sich

na hoffen wir mal, das sich die Wahlergebnisse auch positiv auf die Bevölkerung auswirken.
Mit der Gleichstellung Traditioneller Justiz könnte es auch um die Menschenrechte geschehen sein. Aber das werden wir sicher bei Amnesty International nachlesen können in ein paar Jahren.
