Je ne sais plus...
Hatte ich doch vor einiger Zeit gerade das Gefühl, richtig angekommen zu sein, haben mir die letzten 2 Wochen doch nochmal gezeigt, dass man auch nach 6 Monaten immer noch mit seinen Ansichten und Vorstellungen mit denen der hiesigen Kultur kollidiert.
Bei meiner Arbeit mit den Kindern auf den Dörfern hatte ich und habe ich auch immer noch das Gefühl, endlich das Eis gebrochen zu haben. Besonders die älteren Schüler arbeiten mit mir meist noch bis nach dem „Klingeln“ (also, wenn der Stein aufs Blech gehauen wird…) Es macht mir unheimliche Freude zu sehen, wie die Kinderaugen strahlen, wenn wir Theater spielen oder ein neues Lied lernen. Dennoch bin ich bei meiner Arbeit sehr auf die Zusammenarbeit mit dem Lehrer angewiesen- einerseits kann das für mich lehrreich sein, andererseits kann ich auch den Lehrern neue Lernspiele oder Lieder nahebringen…kann, bei manchen Lehrern hingegen frag ich mich mehr und mehr, was sie dazu bewogen hat, ein Klassenzimmer überhaupt nur zu betreten. Damit meine ich nicht einmal den schlimmsten Fall, der das Erlernen, Abfragen, Wiederholen… neuen Stoffs einzig und allein mit dem Stock festigen kann/will. Nein, auch fast alle übrigen Lehrer scheinen sich nicht wirklich Gedanken darüber zu machen, wie man Schulstoff kreativ und wirksam an die Kinder übermitteln kann. Natürlich ist es nicht nur allein ihre Schuld-mangelnde Ausbildung (nach dem „bac“-Abitur kann man sofort in ein Klassenzimmer, ohne vorher je etwas über pädagogische Lehrmethoden zu erfahren), festsitzende Traditionen (das Schlagen von Kindern ist nicht nur in der Schule, sondern auch im täglichen Alltag zu Hause üblich),eigene Erfahrungen, eine nicht hartdurchgreifende Inspektion, natürlich auch unzumutbare Unterrichtsbedingungen-welcher Lehrer träumt schon von Klassen um die 80 Kinder?, geschweige denn ausreichende Unterrichtsmaterialien, ein mangelnder Horizont, auch zurückzuführen auf die schlechte Bildung-selbst im Lycee…
All diese Faktoren führen dazu, dass die Lehrer letztendlich auf den Frontalunterricht (in schlimmster Form- Tafelbilder, die in Hefte kopiert werden, ohne deren Inhalt wirklich zu verstehen, es werden keine Fragen gestellt, die Kinder heißen alle „toi“…) zurückgreifen. Würde ich nicht einen motivierten und tollen Dorflehrer kennen, würde mir noch öfter angst und bange werden. Doch er beweist, dass man auch mit 60 Kindern Spaß haben kann, dass Stoff vermittelt werden kann, dass die Kinder was lernen, dass auch meine Arbeit gut ankommt. Gerade am Anfang meiner Arbeit kam mir die Frage: Kann ich denn ohne Ausbildung oder irgendwelchen Erfahrungen einfach in ein Klassenzimmer mit 60 Kindern kommen, um den Kindern auch spielerisch das Lernen nahezubringen?
Ja, es geht, denn die Kinder, sowie die (meisten) Lehrer kennen einfach nichts anderes… Da werden einfache Spiele schon zur Sensation. Das erleichtert mir natürlich die Arbeit, ist doch letztendlich aber ein trauriges Bild. An den 3 Schulen, an denen ich unterrichte, steht in jedem Heft das Gleiche, egal, in welcher Schule ich mal hindurchblättere. So ist es auch an allen Schulen ein Novum, wenn wir zum Singen nach draußen gehen und dabei im Kreis gehen; wenn mal Theater gespielt wird; wenn wir ein Buch basteln… Der Lehrer steht dann meist freundlich grinsend daneben, viel zu selten leider singt er selbst mit, oder beteiligt sich interessiert. Es gibt auch Lehrer, bei denen habe ich das Gefühl wahrlich zu stören. Jedes Mal danach, wenn er dann ungeduldig schon 3mal auf seine Uhr geguckt hat, frage ich mich: wieso komme ich hier eigentlich her, wenn du doch eigentlich gar nicht mit mir arbeiten willst?? Wie schon geschrieben, dann hilft mir einfach der Glaube, die Überzeugung, dass ich für die Kinder komme und nicht für ihn… Dennoch, ein nagendes Gefühl bleibt.
Diese Lehrer sind oft anstrengend, die Kinder nicht auf dem gewünschten Niveau. Bei meiner letzten Stunde in Piabrebgou in der CEI (3. Klasse) musste ich gar feststellen, dass die Kinder nicht mal die Tafelbilder verstehen und ihre Heftchen mit für ihnen unverständlichen Symbolen füllen. Der Lehrer war zu dieser Stunde (wie so oft) nicht da und so fing ich an, das Alphabet zu wiederholen…In der 3. Klasse… Ist es da nicht Ungerechtigkeit, oder verdammtes Pech, wenn man einen Lehrer erwischt, der nicht in der Lage ist, eine Klasse zu unterrichten? Was kann ein Kind schon dagegen tun? Die wenigsten haben eh die Chance auf ein College, geschweige denn Lycee zu gehen und werden mit Sicherheit auch auf dem Feld arbeiten, doch damit nimmt man ihnen auch noch das allerletzte Fünkchen Hoffnung… Leider kann sich letzndlich dennoch jedes Kind froh schätzen, wenn es nicht in die Klauen eines Lehrers gerät, der nicht nur mit Unwillen oder Unkreativität arbeitet, sondern der die Anwendung des Stockes als effektivstes Lernutensil versteht. Ja, auch ich arbeite (zum Glück nur mit einem und nicht wie Ole mit zweien) mit solch einem Lehrer zusammen. Oder besser, ich versuche es.
Doch das fällt wahrlich schwer, gerade nachdem, was wir letzte Woche erlebt haben…
Wir waren ja schon zum Direktor gekommen, um diesem unser Problem mit diesem speziellen Lehrer zu erläutern und auch, um klar zu machen, dass wir nicht weiter mit ihm zusammen arbeiten möchten, solange er Kinder schlägt, bzw. wieso es auch schlecht ist, überhaupt zu schlagen… Während wir gerade dabei waren, mit dem Direktor zu reden, sah ich, wie Lehrer X in das Klassenzimmer der 1. Klasse geht-mit versteinerter Miene… Ja, da war es nicht schwer zu kombinieren, was dieser jetzt vorhat. Dennoch verschlug es mir die Sprache, als ich sah, wie er einen Knüppel in der Hand hielt und gerade dabei war, für einen kräftigen Schlag auszuholen. Die schlimmste Reaktion war allerdings, als ich ihm den Knüppel aus der Hand nahm und fragte, was das solle. Nach der Erklärung: „das ist eine Bestrafung“ und meines darauf direkt erwiderndes: „Vous êtes bête?“, lachte er nur… Ihm sah man nicht die kleinste Spur Reue, Scham oder wenigstens Verlegenheit an – er lachte…Nun ist die Frage, kann man alles mit Traditionen, mangelnder (Aus)-Bildung und schweren Lebensumständen erklären? Ich glaube nicht, denn wer so brutal sein kann, ein Kind der 1. Klasse (!!!) zu schlagen, der kann überall arbeiten, aber nicht als Lehrer, schon gar nicht in der Grundschule. Einzige Früchte seiner Arbeit sind Angst, der Unwille zur Schule zu gehen, bzw. diese fortzuführen, und natürlich die Verletzungen, die -auf dem Dorf eh unbehandelt- schlimme Folgen für das Kind nach sich ziehen können. Entsetzt stelle ich auch fest, dass es Kinder gibt, die dieses Verhalten des Lehrers kopieren und sobald dieser nicht da ist, auch durch die Reihen gehen und mit einem Stock auf die Hände schlagen…
Was also tun? Und bei dieser Frage hänge ich jetzt schon eine Weile. Auch wenn der Lehrer nicht mehr in unserer Gegenwart schlägt, hat er es doch nicht wirklich selbst begriffen, wieso er falsch gehandelt hat. Also, wird er sich auch nicht ändert-wer kontrolliert ihn schon?? In einem halben Jahr sind wir eh wieder weg und dann hat er auch wieder seine Ruhe… Einerseits muss der Direktor eine verantwortungsbewusstere Rolle übernehmen. (in Piabrebagou ist das fraglich…) Andererseits müsste man Seminare für Lehrer vorbereiten, um diese wirklich mit den Folgen ihres Handelns zu konfrontieren… Doch wer macht das? Auch wenn wir uns an 3 Schulen den Mund fusselig reden-es bleiben 230 weitere in der Savannenregion, Togo, Afrika…
Ja, irgendwie macht mich das sehr traurig und nachdenklich… Wenn das Schlagen an sich noch nicht mal als Problem der Gesellschaft angesehen wird… Es gibt sogar Geschichten im Lehrbuch fürs College, in denen, als sei’s das natürlichste der Welt, darüber geschrieben wird.
Kopfzerbrechen bereitet mir aber nicht nur die Situation an den Schulen, sondern auch die bevorstehende Präsidentschaftswahl am 4. März. Seit einiger Zeit, sprich 2 Wochen, sind wir nicht mehr allein auf unserem Grundstück. Wir haben Nachbarn bekommen, die nicht gerade dazu beitragen, dass ich nach einem anstrengenden Tag sorglos ins Bett falle. Nein, denn diese netten Nachbarn schweben auch auf der Faure-Wolke, die die Stadt fest im Griff hat. Das Arbeiten bei IT Village ist fast unmöglich geworden, da alle 5 Minuten ein neuer Wagen vorbeirattert-mit solch schönen Liedern wie „Président, Président…“ oder „Faure, notre Président…“ Das schlimmste ist, wenn man sich dabei ertappt, wie man nach 4 Stunden Beschallung mitsummt. Da haben sie dann nämlich ihr Ziel erreicht. Und abends, wenn man dann wirklich nur noch seine Ruhe haben will, grinst ein dicklicher Faure dümmlich vom Nachbarauto direkt auf mein Essen- da vergeht mein Appetit. Wütend machen mich aber auch die Leute, die treu und brav ihre Faure-T-Shirts tragen. Man möchte meinen, sie haben wirklich jedem eins in die Hand gedrückt. Doch wieso so naiv allem gegebenen folgen und nichts hinterfragen?? Warum im Vorraus sagen, dass man nicht wählen geht? Damit unterstützt man doch nur seine Machtspielchen...
Wenn ich an die Wahlen hier in Dapaong denke, dann verzichte ich ein Jahr auf Schokolade und Gummibärchen, wenn es hier zu Unruhen kommt. (und das mein ich ernst=)!!) Noch nie war die Stadt so voller Jeeps, natürlich Faure. Ab und an sieht man aber auch Wahlbeobachterteams, die hier sicherlich nicht den gefährlichsten Posten abbekommen haben. Letztendlich wird sich zeigen, was passiert. Die Hoffnung stirbt zuletzt.
Das wars erstmal von mir, diesmal ein bisschen ausführlicher…
Eure Maja
Kommentare
Togo

Hallo Marianne,
schönen Dank für deinen Brief, wir haben uns sehr gefreut.
Sei schön vorsichtig bei dem, was du tust, die Kulturen sind sehr verschieden und man kann Leute nicht von einem Tag zum andern ändern. Ein Beispiel geben, dass es anders geht, reicht völlig aus.
Gruß Thomas
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