Leben in Hanoi - mit Ruhe und Gemütlichkeit

Gute sechs Monate sind nun schon vergangen seitdem ich Berlin verließ, um in eine etwas andere, aber nicht weniger aufregende Metropole aufzubrechen.
Die erste drei Monate waren bereits spannend und spaßig - nichts jedoch im Vergleich zu den vergangenen dreien. Während ich in den Anfangsmonaten in Hanoi das "Überleben" gelernt habe, kann man sagen, habe ich in den letzen Monaten das "Leben" in Hanoi zu Gesicht bekommen.
Zunehmende Vietnamesischkenntnisse, tiefergreifendere Freundschaften sowie immer mehr Routine geben einem mehr und mehr Möglichkeiten, seinen Alltag vielseitiger und lebendwerter zu gestalten.

So hat sich in Sachen Arbeit bei mir nun endlich ein Mindestmaß an Regelmäßigkeit eingespielt. Zwar bezieht mich der Cildren´s Palace (eine Art Nachmittags- und Wochenendschule für Kinder und Jugendliche) immer wieder auch wochenends in irgendwelche Aktivitäten ein, aber zumindest unter der Woche weiß ich wann ich zu arbeiten habe. Meine Anzahl an Wochenstunden halten sich allerdings in Grenzen. Mein eigentliches Projekt, der Aufbau eines deutsch-vietnamesischen Jugend- / Kulturcenters, ist leider, auf Grund für Deutsche unverständlicher Problem, immer noch nicht angelaufen und auch wenn es dahingehend etwas zu tun gibt, wirft es selten genug Arbeit für drei Freiwillige ab. Bei meinem vor kurzem stattfindenden Zwischenseminar habe ich mich deshalb mit meiner Entsende- und Partnerorganisation so verständigt, dass ich zusammen mit dem VYCT (PO) nach weiteren Aufgaben suchen werde.

Mein Leben außerhalb des Arbeitsplatzes gestaltet sich hingegen immer vielseitiger. Endlich mit Motorroller unterwegs bin um einiges freier als zuvor, als ich immer auf unregelmäßig kommende Busse angewiesen war. Die wenigen Kulturspots Hanois hab ich nun auch entdecken können und obwohl ich etwa alle zwei Wochen noch neue weltwärts-Freiwillige kennen lerne, habe ich bereits schon ein großes Umfeld an deutschen, vietnamesischen und internationalen Freunden. Diese Mischung ist für mich auch optimal - so gestaltet sich ein typischer Abend in Hanoi zum Beispiel so, dass ich zuerst mit einigen Vietnamesen Tee oder Bier trinken gehe, um mich dann gegen 11 bis 12 Uhr mit anderen Freiwilligen zu treffen, mit denen man dann auch richtig weggehen kann.

Die Eigenheiten Vietnams und seiner Bewohner sind immer schwer zu realisieren oder in Worte zu fassen.
Vor kurzem hat mich meine Mutter in Hanoi besucht was mich natürlich sehr glücklich gemacht hat - und mir auf der anderen Seite auch zeigen konnte, was mir nach sechs Monaten schon ganz selbstverständlich erscheint oder welche Dinge ich zum Teil auch selbst schon adoptiert habe von diesen "verrückten Vietnamesen". So ist mir der Lärm von den unzähligen hupenden Motorbikes gar nicht mehr so bewusst im Ohr; das Essen auf der Straße auf ca. 50 cm hohen Plastikhockern gehört zum absoluten Alltag für mich, da ich in den letzten zwei Monaten maximal zehn mal selbst gekocht habe; und generell ist mein gesamter Lebensstil viel gelassener und irgendwie auch träger geworden. So gehe ich zum Bespiel praktisch jeden Tag in irgendwelche Bars oder Cafés oder setze mich an den See, trinke meinen Tra Da (Grüntee mit Eis) oder Milchshake und warte auf vietnamesische Freude, die natürlich, wie absolut immer zu spät kommen - wieder etwas, was man nach einiger Zeit dann einfach auch tut.
Jedenfalls wird das Leben hier teils sehr gemächlich.
Man schaut regelmäßig in den duzenden DVD-Läden Hanois vorbei um sich mit den neusten Kinofilmen zu versorgen, schleppt sich von Sonntag zu Sonntag um Nachts in der ARD-Mediathek Tatort zu sehen und versucht die paar wenigen ruhigen Lokale Hanois zu finden, wo man sich in Ruhe hinsetzen kann, um mal in paar Zeitschriften und Büchern zu blättern.

Lustig aber auch anstrengend sind manchmal die 'Motorroller-Taxifahrer', die einem, wenn man Nachts mitfährt immer fragen ob man denn nicht lieber mit zum "BumBum" kommen mag oder Busfahrer, die in ihrem Bus schlechten vietnamesischen Techno auf Clublautstärke stellen. Vietnamesen sind manchmal schon echt verrückt.

Generell mag ich mein Leben in Hanoi aber total - mir sind meine Freunde hier schon sehr ans Herz gewachsen aber ich vermisse Deutschland bzw. Europa schon auch sehr und freue mich bereits, dass es in gut fünf Monaten wieder Richtung Heimat geht.

Bis dann also,
euer Alex

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